Die Frau als Sex Täterin
Versuch einer Kategoriesierung / Täterinnengruppen
| Die Liebhaberin Die Frau missbraucht jugendliche vorpubertäre oder pubertäre Jungen und Mädchen und definiert dies als „Liebesbeziehung”. Die Mittäterin Die vorbelastete Täterin Die atypische Täterin (obiger Text: vgl. Braun, 2001, S. 11-13) Die Mitwisserin Es gibt - weitgehend tabuisiert - in Fällen des sexuellen Missbrauchs der Tochter oder des Sohnes durch den (Stief-)Vater auch die stille Mitwisserschaft der Mutter, die sich dadurch zur Mit-Täterin macht. Ich möchte daher diese Aufstellung um “Die Mitwisserin” ergänzen. |
Wichtig: Es gibt keine allgemeingültige Schablone oder ein eindeutiges Täterprofil eines weiblichen Täters!!!
Die Tat
Wie bei männlichen Tätern geht es auch bei weiblichen um sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch. Außer der Tatsache, dass Frauen keinen Penis besitzen, scheinen die Arten des sexuellen Missbrauchs, der an Kindern verübt wird, die gleichen zu sein, wie Männer sie verüben. Es gilt der Satz: “Dass Frauen keinen Penis haben, bedeutet nicht, dass Frauen weniger gewaltsam sind oder nicht vergewaltigen.” (Kavemann 1996 zitiert nach Braun, 2001, S. 6)
Die Gewichtung auf der Opferseite wird von verschiedenen AutorInnen unterschiedlich geschildert. Luise Mandau stellt verschiedene Studien zusammen und kommt zu dem Schluss: “Alles in allem können wir aber dennoch feststellen, dass Frauen, die Kinder sexuell missbrauchen, sich an Jungen und Mädchen gleichermaßen vergreifen.” (Mandau, 2000, S. 246)
“Es gibt anale und vaginale Penetration mit Gegenständen, die Risse und Narben verursachen. Die Penisse von kleinen Jungen werden grob und brutal manipuliert, während die Täterin versucht, sie zu einer Erektion zu bringen.” Elliott berichtet auch von einer weiblichen Überlebenden, die von ihrem 13. Lebensjahr an von ihrer Mutter und deren Freundinnen viele Male vergewaltigt worden ist. “Bei diesen Gruppenvergewaltigungen kam es zu schlimmen Erniedrigungen und Demütigungen unter Verwendung von Gegenständen wie Flaschen und Kerzen.(…) Oraler Sex ist ebenfalls eine Form sexuellen Missbrauchs durch Frauen. Oder Kinder werden masturbiert und gezwungen, die Täterin zu masturbieren. Es gibt auch sadomasochistische Handlungen und Unzucht mit Tieren. Nicht jeder sexuelle Missbrauch ist so offenkundig: Manche Kinder werden gezwungen, zuzusehen, wie die Täterin Sex mit männlichen oder weiblichen PartnerInnen hat, müssen Sex mit Haustieren und Pornographie ansehen und an sexuellen Inszenierungen teilnehmen. Diese Handlungen finden nicht unbedingt isoliert statt, sondern werden oft von körperlichen und seelischen Übergriffen unterschiedlichsten Grades begleitet. “ (Elliott, 1995, S. 104)
Fallbeispiel: Verkauft von der Mutter
Solange sie zurückdenken kann, wurde Bettina missbraucht, in den ersten Lebensjahren zunächst - mit Unterstützung der Mutter - von ihrem Vater: “Nach außen hin musste Ordnung herrschen, alles schön sauber sein, sonst setzte es was. Und Bettinas Mutter? Sie tat, was ihr Mann wollte, unterstützte ihn noch, wenn er die beiden Töchter immer wieder missbrauchte. (…) Schmerz spürte Bettina nicht, wenn der Vater sie prügelte oder vergewaltigte. Es war für sie, als wäre es eine andere, der das passierte. Als sie 13 ist, trennten sich die Eltern: Die beiden Mädchen blieben bei der Mutter. Jetzt werde es sich zum Guten wenden, glaubte Bettina. Aber es sollte noch schlimmer kommen: ihre Mutter verschacherte sie an pädokriminelle Männer. Bettina kann sich zumindest an drei erinnern, die die Mutter bezahlten, um mit der Tochter ins Bett zu können. Bei einem ging es bis hin zur Sodomie. Sogar diese Perversion ließ die Mutter offensichtlich zu, Hauptsache es wurde gezahlt. Das Geld setzte sie in Alkohol um. Während ihre Mutter durch Bars zog, mit wechselnden Männerbekanntschaften, verwahrloste Bettina immer mehr. Es gab kaum etwas zu Essen zuhause, keine frische Wäsche, und immer wieder kamen diese Männer.” (Mona Lisa - ZDF-Sendung, 2003, http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/25/0,1872,2077433,00.html)
Frauen haben durch Fürsorge und Kinderpflege auch viel mehr Möglichkeiten, sexuellen Missbrauch zu tarnen. Ihnen wird traditionell mehr Körperkontakt mit Kindern zugestanden als Männern. “So ‘natürlich’ scheint dieser Körperkontakt, so wenig ‘bedenkenswert’, dass auch intime Verrichtungen am Körper des Kindes als unverdächtig gelten.” (Braun, 2001, S. 6). Mütter, die sich an ihren Kinder vergreifen, missbrauchen diese nicht ausschließlich durch den Geschlechtsakt (vgl. Mandau, 2000, S. 237). “Meist wird missbraucht, indem man die Genitalien des Kindes manipuliert und dabei masturbiert. Oder der oder die Missbrauchende bringt das Kind dazu, die Genitalien der oder des Missbrauchenden zu stimulieren.”, so Mandau weiter. “Einige männliche und weibliche Opfer berichten über die sexuelle Ausbeutung durch ältere Frauen, die in ihrem Umfeld als besonders hilfsbereit gelten. Oftmals widmen sie ihr ganzes Leben der Betreuung von Kindern (z.B. als Nachbarin, Verwandte, Pädagogin). Ihre eigene emotionale Bedürftigkeit verstecken sie hinter der ‘Maske der aufopfernden Helferin’ und befriedigen ihre sexuellen Bedürfnisse durch als z.B. ‘Pflege’ kaschierten Missbrauch.” (Enders, 2001, S. 109)
Die Strategien der Täterinnen gleichen ebenfalls denen der männlichen Täter (siehe dazu Täter(innen)strategien). Täterinnen drohen Kindern u.a. mit Selbstmord, Tod eines geliebten Menschen oder Haustieres, mit Liebesentzug, Strafe und Schlägen, um sie gefügig zu machen und den Widerstand zu brechen.
Kinder werden von Täterinnen festgehalten, während sie von Dritten missbraucht werden. Kinder werden von Täterinnen für Pornofilme missbraucht oder an Dritte “ausgeliehen” und verkauft… ”Mütter, die ihre Söhne missbrauchen, sind ebenso gewalttätig wie andere Sexualstraftäter. Denn latenter Inzest hat immer mit Machtmissbrauch, Kontrolle und Herrschaft zu tun.” (Mandau, 2000, S. 265)
Die Folgeschäden
“Die Folgeschäden, die Überlebende sexuellen Missbrauchs durch Frauen erleben, scheinen sich nicht maßgeblich von denen zu unterscheiden, die Überlebende sexuellen Missbrauchs durch Männer aufweisen (siehe auch Folgen und Symptome). Sie sind ebenso schlimm und haben langfristige Konsequenzen sowohl für die Überlebenden als auch für die Menschen, mit denen sie privat oder beruflich zu tun haben. Die Langzeitfolgen umfassen Drogenmissbrauch, Selbstverstümmelung, Essstörungen, Suizidversuche, schwere Depressionen, Beziehungsprobleme (jedweder Form von Gewalttätigkeit oder Probleme mit Nähe) und vieles andere. Der einzige Unterschied zwischen Überlebenden von Missbrauch durch Täter und durch Täterinnen scheint teilweise in ihrer Beziehungsdynamik Frauen gegenüber zu bestehen.” (Elliott, 1995, S. 105)
Weitere Fakten
• Auch Frauen sind häufig Mehrfachtäterinnen, dass heißt, sie missbrauchen zwei oder mehr Kinder (Heyne 1996). Aufgrund des noch unzureichenden Forschungsstandes können bis heute noch keine allgemeingültigen Aussagen über die Anzahl der Opfer einzelner Täterinnen gemacht werden.
• Einige Täterinnen missbrauchen Jungen und Mädchen auf äußerst sadistische Art und Weise (z.B. im Rahmen von sexuell gefärbten sadistischen Bestrafungsritualen: Schläge mit dem Gürtel auf den nachten Po).
- Die sexuelle Ausbeutung durch Frauen ist nicht weniger traumatisierend als jene durch Männer (Saradijan 1999: 131)
- Missbrauchende Frauen suchen ihre Opfer in der Regel unter den Kindern, die ihnen am nächsten stehen und missbrauchen diese über einen langen Zeitraum (Saradijan 1999: 134)
- Mindestens 50 % der Täterinnen missbrauchen Kinder und Jugendliche aus eigener Initiative heraus (Matthews/Wolfers 1995). Zwar geben bis zu 50 % der Täterinnen an, von Männern zu den von ihnen verübten Verbrechen gezwungen worden zu sein. Diese Angaben stimmen aber nur zum Teil: Nur in wenigen Fällen verüben die Täterinnen alle ihre Gewalthandlungen ausschließlich aus Zwang (Sgroi/Sargent 1995: 60). Viele Täterinnen beginnen mit den Missbrauchshandlungen unter Zwang und führen diese danach eigenständig fort. Einzelne gehen gezielt Beziehungen mit männlichen Tätern ein, um Kinder gemeinsam sexuell zu missbrauchen (Saradijan 1999; 127).
- Viele jugendliche Mädchen und Frauen machen im Rahmen ihrer Täterinnenkarriere eine Entwicklung durch, in deren Verlauf sie von “Mittäterinnen” selbst zu Initiatorinnen des Missbrauchs werden. Diese Dynamik kennzeichnet z.B. die Struktur multiinzestuöser Familien, in denen über Generationen hinweg Männer und Frauen die Töchter und Söhne, Enkelkinder, Nichten und Neffen … (gemeinschaftlich) missbrauchen.
(Enders, 2001, S. 106-107)
Schlusswort
Die zukünftige Forschung und auch diejenigen Opfer, die zukünftig ihr Schweigen brechen werden zeigen, wie weit die sexuelle Gewalt durch Frauen in unserer Gesellschaft verbreitet ist. Die Wissenschaft ist sich zumindest einig, dass es hier ein großes Dunkelfeld gibt. Gerade dort, wo Frauen Machtpositionen inne haben (gegenüber Kindern, alten Menschen und/oder gemeinsam mit anderen Frauen und Männern), scheint die Gefahr gegeben, dass diese Macht missbraucht wird. Die Menschen sollten sich dieser Gefahr bewusst werden und sexuelle Gewalt durch Frauen als Realität begreifen.
Quellen:
Braun, G. 2001: An eine Frau hätte ich nie gedacht…! Frauen als Täterinnen bei sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen. AJS Landeststelle Nordrhein-Westfalen e.V., Köln.
Elliott, M. (Hrsg.) 1995: Frauen als Täterinnen - Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Donna Vita, Runmark.
Enders, U. (Hrsg.) 2001: Zart war ich, bitter war’s - Handbuch gegen sexuellen Missbrauch. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.
Mandau, L. 2000: Die Frauenfalle - Wenn gute Mädchen böse werden: Physische, psychische und verbale Gewalt von Frauen